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Probleme mit Vorgesetzten, Konflikte im Team oder Meinungsverschiedenheiten in der Familie: Oft scheint schnell klar zu sein, wo die Ursache liegt – nämlich bei der anderen Person. Doch Konflikte sind meist komplexer. Systemisches Denken betrachtet daher nicht nur einzelne Beteiligte, sondern auch deren Umfeld. Ein Problem wird also nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren Systems.
Wer Zusammenhänge hinter einem Konflikt erkennt, entdeckt auch neue Handlungsmöglichkeiten. Statt zu fragen „Wer ist schuld?“, rückt eine andere Frage in den Vordergrund: Warum entsteht diese Situation?
Was bedeutet systemisches Denken?
Der systemische Ansatz ist eng mit dem Konstruktivismus verbunden. Dieser geht davon aus, dass Menschen die Welt nicht objektiv wahrnehmen, sondern von persönlichen Erfahrungen, Erwartungen und Sichtweisen beeinflusst werden.
„Wenn man etwas betrachtet, sieht man nicht das, was tatsächlich dort ist, sondern die Abbildung davon. Für Menschen ist es daher schwierig, eine objektive Welt zu definieren, denn das, was wir wahrnehmen, ist letztendlich immer subjektiv“, erklärt Herr Mag. Kampitsch, MBA, Unternehmensberater, Coach, Supervisor (ÖVS), Lebens- und Sozialberater und Lehrgangsleiter des Diplomlehrgangs Systemischer Coach am WIFI.
Das bedeutet, dass zwei Menschen dieselbe Situation erleben können und diese trotzdem ganz anders bewerten. Genau deshalb werden im Rahmen von systemischem Coaching verschiedene Perspektiven sichtbar gemacht.
Systemisches Denken richtet den Blick dabei nicht nur auf eine einzelne Person. Jeder Mensch bewegt sich nämlich ständig in unterschiedlichen Systemen – etwa in der Familie, im Freundeskreis, in einer Partnerschaft oder am Arbeitsplatz. All diese Systeme beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen, bewerten und darauf reagieren.
Warum liegt die Ursache eines Problems oft woanders?
Bei einem Konflikt sucht man häufig nach einem eindeutigen Auslöser. Eine Kollegin ist kompliziert. Die Führungskraft ist ungeduldig. Ein Freund ist verwöhnt. Schnell entsteht daraus eine sehr einfache Erklärung für ein Problem: Eine andere Person ist schuld.
Der systemische Ansatz versucht solche vorschnellen Schlüsse zu vermeiden. „Bestimmte Probleme lassen sich gut aus dem Hintergrund der Person erklären. Wenn wir das tun, haben wir eine klarere Sicht auf die gesamte Lage und im Idealfall auch auf Lösungsoptionen, also wie wir darauf reagieren können“, erklärt Kampitsch.
Dabei geht es nicht darum, problematisches Verhalten zu entschuldigen. Vielmehr soll klar werden, welche Zusammenhänge eine Situation beeinflussen. Hinter einer Konfliktsituation können etwa unterschiedliche Erwartungen, Rollen, Werte, Kommunikationsmuster oder persönliche Belastungen stecken.
Auch verschiedene Systeme einer Person können miteinander in Konflikt geraten. Verlangt eine Führungskraft beispielsweise etwas, das den persönlichen oder auch familiären Wertvorstellungen einer Person widerspricht, kann daraus ein großes Spannungsfeld entstehen. Die vermeintliche Ursache, wie etwa „Meine Führungskraft versteht mich nie“, ist möglicherweise nur ein Teil eines größeren Hintergrunds.
Der systemische Ansatz betrachtet das gesamte System
Ziel des systemischen Denkens ist es nicht, möglichst schnell die Ursache zu finden. Stattdessen werden viele unterschiedliche Blickwinkel berücksichtigt: Wie erlebt die Führungskraft die Situation? Wie würde ein Teammitglied sie beschreiben? Was würden meine Eltern über diese Situation denken?
Durch solche Fragen können neue Erklärungen und somit auch neue Handlungsoptionen entstehen. Denn andere Menschen zu ändern, ist äußerst schwierig. Sehr wohl verändern kann man jedoch den eigenen Umgang mit einer Situation.
Welche Methoden helfen beim Perspektivenwechsel?
Im systemischen Coaching gibt es verschiedene Möglichkeiten, eine Situation aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten.
Eine davon ist der räumliche Perspektivenwechsel. Die gecoachte Person sitzt dabei zunächst auf einem Sessel (ICH-Position) und spricht dabei aus der eigenen Perspektive. Dann wechselt sie auf einen gegenüberstehenden Stuhl (DU-Position) und versucht die Situation aus der Perspektive der anderen Person zu betrachten.
Ein Perspektivenwechsel ist aber auch zeitlich möglich. Fragen dafür wären etwa:
- Wie hätte ich diese Situation vor fünf Jahren bewertet?
- Wie werde ich sie möglicherweise in zehn Jahren sehen?
- Was würde eine erfahrenere Version meiner selbst dazu sagen?
Eine weitere Methode ist die Auseinandersetzung mit dem sogenannten „inneren Team“. Bei schwierigen Entscheidungen hört man oft mehrere innere Stimmen. Eine davon denkt vielleicht besonders ökonomisch, eine andere möchte Risiken vermeiden und eine dritte ist sehr pragmatisch. Wer diese unterschiedlichen inneren Perspektiven bewusst wahrnimmt, kann verstehen, warum eine Entscheidung so schwerfällt – und schließlich bestimmte innere Stimmen priorisieren.
Welche Fragen stellt ein systemischer Coach?
Fragen sind ein wichtiger Teil des systemischen Coachings. Sie sollen dabei helfen, neue Perspektiven zu eröffnen.
Typische Fragen können etwa sein:
- Was meinst du, wie würde deine Kollegin oder dein Kollege diese Situation beschreiben?
- Was würde deine Führungskraft dazu sagen?
- Wie würde eine Kundin oder ein Kunde die Situation wahrnehmen?
- Wie würde eine Person, die dich stark geprägt hat, das Problem beurteilen?
Dadurch verschiebt sich der Blick vom vermeintlichen Problem hin zu Wechselwirkungen zwischen den Systemen.
Praxisbeispiel: Wie systemisches Denken funktionieren kann
Wie der systemische Ansatz funktionieren kann, zeigt ein einfaches Beispiel: Eine beschäftige Person fühlt sich von ihrer Führungskraft ungerecht behandelt. Im ersten Moment wird eine einfache Erklärung dafür gefunden: „Sie hat eindeutig etwas gegen mich.“
Im systemischen Coaching wird diese Interpretation in Frage gestellt. „Wir Menschen suchen oft vorschnell eine Erklärung, die uns nicht so weh tut“, so Kampitsch. Daher ist das Ziel, zusätzliche Perspektiven zu betrachten. Eine Möglichkeit dafür besteht darin, sich auf einen anderen Stuhl zu setzen und bewusst in die Rolle der Führungskraft einzutauchen.
Ein systemischer Coach könnte einem dabei Fragen stellen wie:
- In welcher Situation befindet sich meine Führungskraft gerade?
- Welchem Druck ist sie ausgesetzt?
- Was würde eine außenstehende Person in dieser Situation beobachten?
Durch einen Perspektivenwechsel könnte beispielsweise sichtbar werden, dass das Unternehmen gerade stark unter Druck steht und die Führungskraft aus diesem Grund angespannter reagiert als sonst.
Aus der ersten Interpretation „Meine Führungskraft hat etwas gegen mich“ kann somit eine differenzierte Sicht entstehen. Diese Perspektivenerweiterung ist ein zentrales Prinzip des systemischen Ansatzes.
Warum gibt ein systemischer Coach keine fertige Lösung vor?
Die wahre Ursache für einen Konflikt zu erkennen, kann oft schon eine wahre Erleichterung sein. Im Rahmen vom systemischen Coaching kann gezielt im Jetzt-System daran gearbeitet werden, gegenüber bestimmten Aussagen, Tonalitäten oder Körpersignalen anderer einen besseren Schutz für sich aufzubauen. Dabei können etwa Mental-, Atem- oder Visualisierungstechniken helfen.
Systemisches Coaching ist allerdings keine Fachberatung. Ein systemischer Coach legt also nicht fest, welche konkrete Entscheidung richtig ist. Stattdessen gestaltet er einen Prozess, in dem Kund:innen neue Ideen, Blickwinkel und mögliche Lösungswege entwickeln können.
Gerade deshalb spielt die Perspektivenerweiterung eine wichtige Rolle: Je mehr Zusammenhänge sichtbar werden, desto mehr Handlungsmöglichkeiten entstehen.
Wo liegen die Grenzen des systemischen Coachings?
Systemisches Coaching konzentriert sich auf das Jetzt-System. Werden im Coaching Themen sichtbar, die etwa eine psychotherapeutische Behandlung erfordern, wird die gecoachte Person darauf aufmerksam gemacht.
Die Aufgabe eines systemischen Coachs besteht nicht darin, psychische Erkrankungen oder Traumata aus der Kindheit zu behandeln. Coaching und Psychotherapie verfolgen unterschiedliche Aufgaben und Ziele.
Systemisches Denken lernen und professionell anwenden
Wer Konflikte, komplexe Situationen und Veränderungsprozesse professionell begleiten möchte, benötigt neben Fachwissen auch viel Übung im Bereich systemisches Denken.
Genau hier setzt der Diplomlehrgang Systemischer Coach am WIFI Steiermark an. Teilnehmende lernen, systemische Zusammenhänge zu erkennen, verschiedene Perspektiven zu betrachten und Menschen durch Veränderungsprozesse zu begleiten.
Im Lehrgang werden unterschiedliche Coaching-Methoden und Werkzeuge vermittelt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der praktischen Anwendung: Übungen, Reflexionen, Supervision und praktische Coaching-Erfahrung helfen dabei, den systemischen Ansatz nicht nur zu verstehen, sondern auch tatsächlich anwenden zu können.
Der Diplomlehrgang richtet sich unter anderem an Personen, die professionell als Coach arbeiten möchten, sowie an Führungskräfte, Beschäftigte im Personalbereich und Menschen in beratenden Funktionen.
Der Lehrgang dient nicht nur als Einstiegsoption in die Selbstständigkeit oder als berufliche Weiterbildungsmöglichkeit, sondern bietet ebenso Raum für die eigene Persönlichkeitsentwicklung und Selbstreflexion.
FAQ: Systemisches Denken einfach erklärt
- Was ist systemisches Denken?
Systemisches Denken betrachtet ein Problem nicht isoliert. Es berücksichtigt Beziehungen, Wechselwirkungen, unterschiedliche Perspektiven und das gesamte Umfeld bzw. die Systeme der beteiligten Personen.
- Was ist der systemische Ansatz?
Der systemische Ansatz geht davon aus, dass Verhalten immer in einem bestimmten Kontext stattfindet. Ziel ist es, verschiedene Perspektiven und Zusammenhänge sichtbar zu machen und so neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
- Was macht ein systemischer Coach?
Ein systemischer Coach begleitet Menschen dabei, Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und eigene Lösungswege zu entwickeln. Dabei wird keine fertige Lösung vorgegeben.
- Warum liegt die Ursache eines Problems oft nicht dort, wo wir sie vermuten?
Konflikte werden von mehreren Faktoren beeinflusst. Erwartungen, Beziehungen, persönliche Erfahrungen und Belastungen können dazu führen, dass eine Streitigkeit entsteht.
- Warum ist ein Perspektivenwechsel hilfreich, um die Ursache eines Problems zu erkennen?
Ein Perspektivenwechsel kann Zusammenhänge sichtbar machen, die zunächst verborgen bleiben. Dadurch entstehen neue Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten.
Bildcredits: © Dragana Gordic | stock.adobe.com (Header), © Peter Melbinger (Porträt G. Kampitsch)
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