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Wer beim Thema Nachhaltigkeit nur an Kosten denkt, übersieht ein großes Potenzial: Studien zeigen, dass Betriebe durch zirkuläre Wertschöpfung ihre Produktionskosten um bis zu 15 Prozent senken können. Wie wird aus der gesetzlichen Pflicht ein echter Wettbewerbsvorteil?
Drs. Nicola Oudejans erklärt die Fakten und warum Nachhaltigkeit auch als handfester Rentabilitätsfaktor für Unternehmen an Bedeutung gewinnt. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität für Weiterbildung Krems (UWK) leitet sie u. a. den Studiengang „Bachelor Professional (BPr) für Techniker:innen“ in direkter Kooperation mit dem WIFI Steiermark.
Das neue NaBeG: Warum das Gesetz auch kleine Zulieferer betreffen kann
Die Europäische Union und Österreich haben das Thema Nachhaltigkeit im Betrieb in vielen Bereichen gesetzlich geregelt. Direkt gelten die Vorschriften zwar meist nur für große Konzerne – aber indirekt betreffen sie viele Unternehmen. Im Rahmen einer Berichtspflicht (neues Gesetz „NaBeG“ für Österreich) müssen große Unternehmen zum Beispiel auch darlegen, wie nachhaltig ihre Zulieferer arbeiten. Wer als kleinerer Partner oder Techniker keine CO2-Daten oder Recycling-Nachweise liefern kann, könnte damit Probleme bekommen.
Wie gelingt der Einstieg in nachhaltiges Wirtschaften?
Frau Drs. Oudejans, wenn jemand morgen den ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit im eigenen Betrieb machen möchte: Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung?
„Holen Sie sich Hilfe“, sagt die Expertin. Es gibt sie zum Beispiel von der Wirtschaftskammer unter dem Titel „Nachhaltiges Wirtschaften in 5 Schritten“. Außerdem existieren Spezialunternehmen, die Firmen bei der Transformation beraten. Und:
„Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist primär eine Führungsaufgabe. Der Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft (KLW) erfordert einen fundamentalen Kulturwandel und ein völlig neues Mindset.
Eine besondere Rolle kommt dabei den technischen Führungskräften zu: Sie sind die Brückenbauer, die strategische Nachhaltigkeitsziele in konkrete, zukunftsfähige Prozesse auf der Werksebene übersetzen müssen.“
Drs. Oudejans betont aber auch: „Man muss nicht alles auf einmal angehen. Es geht darum, den Status Quo zu analysieren und Felder für erste Schritte ausfindig zu machen.“
Sie berichtet zum Beispiel von einer Werkstatt, die ihre Dienstwagenflotte analysiert hat: Wie oft werden sie genutzt, wie viele Kilometer werden gefahren, wie steht es um den Ein- und Verkaufswert der Autos … Als Ergebnis wurden nicht nur Treibstoff, sondern auch Dienstwägen eingespart.
Auch die Administration mit Papierverbrauch und bewusstem Einkauf ist ein Thema für die Nachhaltigkeit.
„Es ist erfreulich“, so Drs. Oudejans, „dass sich alle Abschluss-Arbeiten der Student:innen im Rahmen des akademischen Lehrgangs ‚Bachelor Professional für Techniker:innen‘ am WIFI Steiermark an Herausforderungen im Unternehmen orientieren. Tiefgründige Analysen und Handlungsempfehlungen inklusive. Wer eine Bachelor-Arbeit zum Thema Nachhaltigkeit schreiben will, sollte den gesamten Produktzyklus bereits von Beginn an mitdenken.“
Lineare Wirtschaft vs. Kreislaufwirtschaft: Unterschiede im Überblick
| Merkmal | Lineare Wirtschaft („Wegwerfwirtschaft“) | Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) |
| Grundprinzip | „Take – Make – Waste“ (Rohstoffabbau, Produktion, Nutzung, Entsorgung). | „Reduce – Reuse – Recycle“ (Ressourcen verbleiben dauerhaft im System). |
| Ressourcennutzung | Endlich. Setzt auf den ständigen Abbau neuer, oft fossiler Rohstoffe. | Regenerativ. Setzt auf sekundäre Rohstoffe und erneuerbare Energien. |
| Produkt-Design | Auf billige Produktion und schnellen Verschleiß ausgelegt (geplante Obsoleszenz). | „Design for Disassembly“ – auf Langlebigkeit, leichte Reparatur und Modularität ausgelegt. |
| Geschäftsmodell | Gewinn durch den Verkauf möglichst vieler neuer Produkte. | Gewinn durch Dienstleistungen (z. B. Teilen, Leasing, Product-as-a-Service). |
| Umgang mit Abfall | Abfall ist das Endprodukt und wird deponiert oder verbrannt. | Abfall existiert nicht – er wird zum Rohstoff für den nächsten Kreislauf. |
| Lieferketten-Risiko | Hoch. Abhängigkeit von schwankenden Rohstoffpreisen und globalen Importen. | Geringer. Regionale Kreisläufe und Unabhängigkeit durch Wiederaufbereitung. |
| Rolle des Technikers | Entwickelt Produkte für eine maximale Funktion während der Nutzungsdauer. | Entwickelt Produkte möglichst unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus. |
Warum Kreislaufwirtschaft auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann
„Natürlich“, meint Drs. Oudejans, „muss ich zuerst investieren.“
In die Analyse und Datenkompetenz. In die Weiterbildung von Mitarbeiter:innen und die Qualifizierung von Führungskräften plus technischer Leitung. In die Abwärmenutzung von Kühlanlagen, in eine Umrüstung auf LED, in die thermische Sanierung von Betriebsgebäuden, in Photovoltaik …
„Aber jede eingesparte Kilowattstunde senkt direkt Ihre Kosten und Ihre CO2-Bilanz. Und ein überarbeiteter Produktionsprozess, der Ausschuss und Materialkosten reduziert, bedeutet u. a. auch geringere Kosten im Einkauf und weniger Abfall.“
Es macht Sinn, sich bezüglich staatlicher und europäischer Fördergelder für die Transformation in Richtung nachhaltigem Wirtschaften schlau zu machen. Auch da können die WK bzw. ihre Regionalstellen helfen.
Und noch etwas: Wir leben in einer Welt von Stakeholdern. Und die fordern Nachhaltigkeit heute aktiv ein und bestrafen nicht-nachhaltiges Wirtschaften wirtschaftlich und mit negativer Reputation fürs Unternehmen. Banken vergeben Green Loans (grüne Kredite) zu günstigeren Konditionen, um den European Green Deal und die Transformation der Wirtschaft praktisch zu finanzieren.
Zur Erklärung nebenbei: Der European Green Deal ist der Weg der EU in Richtung klimafreundlicher Wirtschaft. Das Hauptziel lautet, Europa bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen.
Auch die Kund:innen reden mehr und mehr mit: Sowohl im B2B- als auch B2C-Bereich. Außerdem wollen Toptalente lieber in Unternehmen mit glaubwürdiger Nachhaltigkeitsstrategie sinnstiftend tätig sein …
Wie viel Geld unterm Strich pro Jahr herausspringt, hängt natürlich von der Unternehmensgröße ab. Wirtschaftliche Studien – unter anderem von McKinsey, dem Fraunhofer Institut oder der Johannes Kepler Universität Linz – zeigen jedoch ein klares Bild für produzierende und technisch orientierte Betriebe: Durch den Wechsel von linearer zu zirkulärer Wertschöpfung lassen sich die Gesamtkosten für Material und Produktion um 10 bis 15 Prozent senken.
Wozu brauchen wir nachhaltiges Wirtschaften überhaupt?
„Wir haben nur eine Erde!“ – Was Drs. Nicola Oudejans da sagt, ist vielleicht nicht jeder und jedem 100-prozentig klar.
Bereits 1972 (!) veröffentlichte ein Wissenschaftlerteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Auftrag des Club of Rome die weltberühmte und bahnbrechende Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (The Limits to Growth). 2009 bezifferte ein internationales Team von 28 hochrangigen Wissenschaftlern die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde dann erstmals konkret.
„Unsere Ressourcen sind endlich. Die Welt verfügt über ein begrenztes Potential und wir können nicht darüber hinausgehen“, so Drs. Oudejans. Die erschreckende Realität: Der österreichische Erdüberlastungstag (Austrian Overshoot Day) fiel in diesem Jahr auf den 2. April. Würde die gesamte Weltbevölkerung so ressourcenintensiv leben und konsumieren wie die Menschen in Österreich, bräuchten wir rund vier Erden.
Da kommt die Kreislaufwirtschaft als Antwort der EU auf die endlich werdenden Ressourcen ins Spiel. „Zudem sind wir extrem von anderen Ländern abhängig und die EU will diese Abhängigkeit geringer machen“, erklärt Drs. Oudejans weiter. „Die EU will die Kreislaufwirtschaft als Hebel nutzen, um den Materialbedarf der Industrie ressourcenschonend abzudecken.“
Welche drei Faktoren beinhaltet nachhaltiges Wirtschaften insgesamt?
Ohne eine intakte Umwelt gibt es keine stabile Gesellschaft und ohne Gesellschaft keine funktionierende Wirtschaft:
- Die ökologische Säule fordert, dass die Natur und ihre Rohstoffe nur so weit beansprucht werden, wie sie sich regenerieren können.
- Ökonomische Säule: Ein Unternehmen darf nicht auf Kosten der Zukunft wirtschaften und die von ihm verursachten Umweltschäden finanziell der Allgemeinheit aufbürden.
- Die soziale Säule: Wirtschaften kann langfristig nur funktionieren, wenn es dem Menschen dient und den gesellschaftlichen Frieden sichert. Das bedeutet faire Arbeitsbedingungen, auch in globalen Lieferketten. Weiters Zugang zu Bildung, Gesundheit und Arbeit für alle Menschen und die Absicherung grundlegender menschlicher Bedürfnisse.
Drs. Nicola Oudejans leitet u. a. den Studiengang „Bachelor Professional (BPr) für Techniker:innen“ als akademisches Weiterbildungsprogramm der Universität für Weiterbildung Krems (UWK) in direkter Kooperation mit dem WIFI Steiermark. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Krems zeichnet die studierte Politikwissenschaftlerin (der akademische Titel „Drs.“ stammt aus dem niederländischen Universitätssystem) für die Organisation, wissenschaftliche Begleitung und Prüfung des gesamten Studiums verantwortlich.
WIFI Steiermark – Ihr Bildungsexperte in Sachen Nachhaltigkeit und Wettbewerb für Unternehmen
Interesse? – Das WIFI Steiermark hat insgesamt zahlreiche Bildungsangebote für den Bereich der Nachhaltigkeit im Kursprogramm:
- Hier finden Sie einen Überblick über alle akademischen Ausbildungen am WIFI Steiermark.
- Darunter den „Bachelor Professional für Techniker:innen“ mit einer praktisch orientierten Vertiefung zum Thema „Nachhaltigkeit“. Der Lehrgang richtet sich speziell an Personen mit Meister-, Werkmeister- oder HTL-Abschluss, die sich auch ohne klassische Matura akademisch im Bereich Management und Wirtschaft weiterbilden möchten.
- Für alle Unternehmen, die Nachhaltigkeit im Betrieb professionell verankern wollen, stellt der „Lehrgang Nachhaltigkeitsmanagement – Certified Sustainability Expert (CSE)“ eine solide Grundlage dar. Es besteht auch die Möglichkeit, mit dem „Zertifikat Certified Sustainability Expert (CSE)“ am WIFI Steiermark ein anerkanntes Personenzertifikat nach den Kriterien der ÖNORM EN ISO/IEC 17024 zu erwerben.
- Hier finden Sie einen Überblick zu allen fachlichen Aus- und Weiterbildungen im Bereich „Umwelttechnik / Entsorgungswirtschaft“ bzw. zu den Bildungsangeboten im gesamten Bereich „Technik und technisches Gewerbe“.
Beratung und Buchung auch unter Tel. 0316 602 1234
Bildcredits: © Miha Creative | stock.adobe.com (Header), © Andrea Reischer (Porträt N. Oudejans)
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